INTERVIEW UND PORTRÄT

Im Gespräch mit …

AllesWirdGut

Spirit: sozial

  • Autorin: Helga Kusolitsch
  • Foto: Georg Molterer, Hertha Hurnaus, Guilherme Silva Da Rosa

Von der Gallgasse hinunter an den Donaukanal zum Büro der AWGs sind es gute zehn Kilometer. AllesWirdGut prangt groß auf den Panoramafenstern des 2013 adaptierten Großraumbüros mit Sicht auf die Wiener Innenstadt. 17 Jahre liegen zwischen den Anfängen im Zeichensaal und den aktuellen Erfolgsprojekten im In- und Ausland. Wie es gelang, Spirit und Teamgeist zu bewahren und in der Wiener Tradition des sozialen Wohnbaus zu einer fixen Größe der jungen Architekturgeneration zu werden, erzählt Gründungspartner Herwig Spiegl.

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Eine Wand voller Auszeichnungen und mittendrin die Ansage „Together you can do so much“? Teamgeist als Leitspruch?

Ja, das hat schon begonnen bei unserem ersten Büro, als wir eine ehemalige Greißlerei umgebaut haben. Da waren sehr unterschiedliche Arbeiten von der hochgeistigen Architektur bis hin zu ganz einfachen Bauarbeiten nötig. Es war wichtig, von Anfang an nicht unterschiedlich zu bewerten, denn alles trägt zum gemeinsamen Ziel bei. Das haben wir da irgendwie unbewusst gelernt, und das wirkt bis heute nach.

Was macht denn den besonderen Spirit von AWG aus?
Wir sind einfach neugierig und immer noch motiviert, nicht nur die vermeintlich logische Lösung aus dem Hut zu zaubern. Das hat auch mit der andauernden Verjüngungskur unseres Teams zu tun, dem Verständnis und dem Miteinander. Natürlich muss das alles auch wirtschaftlich funktionieren, aber dieser Teamspirit ist etwas, worauf wir alle vier immer mit einem gewissen Stolz schauen.

Wie funktioniert die Entwurfsarbeit im Team?
Wir waren es von Anfang an gewohnt, zu viert oder fünft zu arbeiten. Das war extrem angenehm und befruchtend – und das gibt es immer noch. Die Vielzahl der Projekte führt dazu, dass wir leider nur noch an der Oberfläche involviert sind. Wo wir aber schon versuchen, uns stark einzubringen, ist ganz am Anfang. Wir haben jeden Freitag Workshop-Tag. Die Zeit nehmen wir uns, das macht auch Spaß, da werden dann mit den Projektteams Wettbewerbe besprochen, da wird skizziert, da wird diskutiert.

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Seit 2016 gibt’s eine Dependance in München, wie gelingt denn die deutschösterreichische Teamarbeit?
Wir haben immer schon mit einem zweiten Standort in Deutschland geliebäugelt, das bringt in vielen bürokratischen und administrativen Belangen eine Erleichterung und kommt auch den Auftraggebern entgegen. Und was die Mentalität betrifft, sind uns Österreichern die Bayern ja recht ähnlich, aber wenn man das ganz nüchtern betrachtet, muss man ehrlich sagen, dass die Zusammenarbeit, das Klima und der Erfolg sehr stark personenabhängig sind, und es relativ egal ist, woher die Person kommt.

Zuletzt habt ihr mit Magdas Hotel ziemlich Furore gemacht, einem Projekt für Menschen mit Fluchthintergrund.

Das Magdas ist einfach ein sehr schöner Baustein in dem ganzen Potpourri von Projekten, die wir bearbeiten. Aus einem Social-Business-Modell ist so etwas wie Social Design entstanden, etwas, das eigentlich schon länger im sozialen Wohnbau Einzug gehalten hat. Dass Design eine soziale Verantwortung hat, wissen wir aus dem Wohnbau heraus, und das kennen wir spätestens seit den gescheiterten Satellitenprojekten der 70er und 80er Jahre. Da hat man festgestellt: Man muss einen sozialen Aspekt auch in das Wohnen hineinbringen, und das hat sich ja im Wohnbau heute sehr erfolgreich etabliert.

In eurer Tätigkeit hat sich in der jüngeren Vergangenheit der Schwerpunkt Wohnen herauskristallisiert.

Wir haben nie irgendeine Art der Spezialisierung aktiv vorangetrieben, im Gegenteil: Wir haben es eine Zeit lang sehr genossen, nicht spezialisiert zu sein. Mittlerweile haben wir vielleicht einen kleinen Überhang in Richtung Wohnbau, sicherlich auch verknüpft mit unserem Standort und einem gewissen Image, das Wien hinsichtlich sozialen Wohnbaus international genießt. Diese Gedanken, die wir hier im Laufe der Zeit erlernt und entwickelt haben, werden ja im Ausland auch gerne angenommen. Aber ansonsten sind wir sehr froh, wenn wir sehr breit gefächert arbeiten können.

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PORTRÄT

Together you can do so much

Jahrelang hieß es in einem deutschen Fernsehmagazin „Alles wird gut!“, genauso hat sich auch jenes Architektenteam benannt, das sich im Jahr 1999 von der optimistischen Ansage Nina Ruges bei der Bürogründung inspirieren ließ und heute zu einer der fixen Größen der jungen österreichischen Architektenszene zählt. Die vier Partner, Andreas Marth, Friedrich Passler, Herwig Spiegl und Christian Waldner, hatten sich beim Architekturstudium kennengelernt und von einer gemeinsamen beruflichen Zukunft geträumt. Die ist dann schneller als gedacht Realität geworden, als der erste überraschend gewonnene Wettbewerb die jungen Architekten teilweise noch vor Studienabschluss überrumpelte. Ursprünglich hatte das Herrenteam auch eine Dame dabei, Ingrid Hora, die sich allerdings bald für die freischaffende Kunst entschied.

 

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Die Gründungspartner von AWG: Andreas Mart, Herwig Spiegl, Friedrich Passler, Christian Waldner (v. l. n. r.)

Heute arbeiten die AWGs mit rund 60 Mitarbeitern auf zwei Etagen direkt am Donaukanal unweit Jean Nouvels Hotelhochhaus Sofitel. Vis-à-vis der Wiener City reicht der Blick vom coolen Badeschiff bis auf die Spitze des Stephansdoms, was durchaus symbolisch für das weite Spektrum ihrer Architektur verstanden werden kann. Mehr als 50 Projekte im In- und Ausland stehen auf der Referenzliste. Vom Städtebau bis zum Shopausbau reicht die Kompetenz. Seit 2016 gibt’s auch eine Dependance in München – Begleiterscheinung einer Reihe von gewonnenen Wettbewerben und mittlerweile neun aktuellen Projekten in Deutschland, wie den Münchner Wohnbauten am Prinz-Eugen-Park und in der Ludlstraße, der Funke-Medien Zentrale in Essen, einer Schullandschaft in Hamburg und das Landratsamt in Erlangen.

„Wir sind’s einfach gewohnt, im Team zu arbeiten, es war wirklich von Anfang an befruchtend, ergänzend, beruhigend… und irgendwann sieht man dann, wie nachhaltig das gefestigt ist …“

Helga Kusolitsch im Gespräch mit Herwig Spiegl

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Das Team von AllesWirdGut.

Begonnen hat alles in einer ehemaligen Greißlerei. Denn in diesem kurzerhand zum Architekturbüro adaptierten Ladengeschäft hatte sich die damalige Fünferbande für das erste Tiroler Projekt zusammengefunden, und Tirol ist auch eine Klammer, die das Team grenzüberschreitend zusammenhält. Stammen doch zwei aus Nord- und zwei aus Südtirol – Ländergrenzen, ebenso überwunden wie die vier Jahre Altersunterschied, die an der Uni noch einen Generationensprung ausmachten und heute längst egalisiert sind. In dieser ersten Zeit sieht Herwig Spiegl auch die Grundfesten der exzellenten Teamarbeit, die mittlerweile 17 Jahre Bürotätigkeit und mehrere Maßstabssprünge konfliktfrei mitgemacht hat. Der Input verschiedener Charaktere und die Zusammenarbeit ohne Hierarchien und Spezialisierungen zeichnen die Gruppe aus. Trotz der Vielzahl der laufenden Aufträge wird dieser Spirit weitergetragen, und allwöchentlich finden sich möglichst alle vier Partner beim freitäglichen Workshop ein, um Entwurfsideengemeinsam mit dem Team zu diskutieren. Jeder Beitrag ist gefragt und ein unverbrauchter Zugang wird besonders geschätzt – 13 Nationalitäten und ein Durchschnittsalter von aktuell 34,75 Jahren garantieren frische Ideen.

Offene Arbeitsatmosphäre – keine bis kleine Hierarchien: Dies kennzeichnet die Philosophie von AllesWirdGut.

Ideen, die in der Neugestaltung der Open-Air-Festival-Arena in St. Margarethen ebenso zum Einsatz kommen wie in der New Design University in St. Pölten, im Freiraum der Innsbrucker Maria-Theresien-Straße ebenso wie in Österreichs größtem Passivbürohaus in Krems. Und natürlich in den zahlreichen Wohnprojekten, in denen die AWGs ihren pragmatischen wie innovativen Zugang, der laut Eigendefinition stets auf der Suche nach dem „Potenzial des gegebenen Kontexts“ ist, realisieren konnten. Dazu zählen die Mehrfamilienhäuser in der Gallgasse ebenso wie die Wohnanlage in der Seestadt Aspern und immer mehr auch solche in Deutschland und Luxemburg. Der experimentelle Zugang zum Thema Wohnen hatte ihnen im Jahr 2000 ihre erste Auszeichnung eingebracht, als sie für das Objekt turnOn den FutureVisionHousing-Preis erhielten und damit sowohl gängige Vorstellungen des Wohnens als auch der vorherrschenden Produktionsweisen der Bauindustrie kritisch hinterfragten. Zahlreiche Auszeichnungen folgten: der Adolf-Loos-Staatspreis etwa, der Förderpreis der Stadt Wien, der Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit und zuletzt auch eine Reihe von Auszeichnungen aus dem Bereich Social Design.

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Der experimentelle Zugang von AWG zeigt sich nicht nur in den Projekten, sondern auch in der Arbeitsweise.

Architekten

AllesWirdGut
www.awg.com
2016 Berlin Award Magdas Hotel
2016 Bürogründung in München
2013 Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit
1999 Bürogründung in Wien

Projekte

in Bau Büro Zentrale Doppelmayr, Wolfurt
2015 Berufsschule Embelgasse Wien
2014 Zentrum für Technologie und Design, St.Pölten
2010 Kindergarten Ternitz
2008 Open-Air-Festspiel-Arena, St. Margarethen
2007 Zivilschutzzentrum San Candido
2001 Dorfzentrum Fliess
2000 turnOn, Experimental Housing Vision

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